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Silvester 2018 - oder warum das mit dem Kleid nicht funktionieren konnte und es am Ende doch tat

Oder: was nicht passt wird "passend" gemacht

* Beitrag enthält Bezugsquellen * Alle Materialien selbst gekauft

Wir waren - so als Familie - noch nie an einer Mottoparty. Aber dieses Jahr verbringen wir Silvester in einem tollen Hotel in den Bergen und wissen schon seit der Buchung, dass der Jahreswechsel unter dem Motto "Kleine und grosse Gangster" gefeiert wird. Kostüm ist keine Pflicht und ich mag Verkleidung eigentlich nicht besonders (Fasnacht ist mir ein Graus), aber die Kids waren sofort begeistert, also haben wir uns was überlegt. Soweit so gut. 

 

Für die Männer war das aus meiner Sicht recht einfach: CAPONE. Und zwar im Dreierpack. Nicht direkt als Kopie, aber so in dem Style. Hemd, Hosenträger, Sakko, typischer Hut, Brille, Knarre und gut ist. Aber wir Mädels? Passend zur Capone-Zeit kam mir dann die Idee, dass wir als "Gangsterbräute" im 20er-Jahre-Stil am besten in die Runde passen würden.

Die Suche nach dem Schnitt für mich

Noch selten habe ich so viele Ideen im Kopf wieder verworfen, Stoff bestellt und dann doch wieder zur Seite gelegt. Den Schnitt erst selber zeichnen wollen und dann doch auf ein Schnittmuster gehofft, das zu mir passen würde. Ich habe gigabyteweise Bilder studiert zum 20er Style und je mehr ich sah, desto schwieriger wurde es.

 

Anforderung - Wunschdenken - Realität...

Das typische 20er-Jahre-Flappergirl - gemäss meiner Freundin Olivia, die am Gymnasium Geschichte unterrichtet - ist jung, ihr Körper androgyn und der Schnitt des Kleides super weit und gerade geschnitten (die Frauen hatten sich gerade vom Korsett verabschiedet), die Tallie tief (also seeeehr tief), das Kleid ärmellos und Kurven auf keine Art betont. Dafür darf der Ausschnitt vorne wie hinten tief sein.

 

Ihr seht mein Dilemma. 😜😂 Ich bin nicht mehr jung und mein Körper war noch nie androgyn. 😁Gerade geschnittenes sieht bei mir aus wie Tonne auf Beinen. Ärmellos? Siehe "jung"... Kurven nicht betonen wird also schwierig...

 

Nach meiner ausgiebigen Google-Recherche und geblendet durch den Burda-Zweiteiler im Fernsehen, fiel meine Wahl dann auf das "Charleston-Kleid" aus einer Burda-Style aus dem Jahr 2012. Ich sah in dem Schnitt viel Potential ihn bei Passform-Problemen noch anpassen zu können und auf dem Bild sah das jetzt auch nicht übermässig kompliziert aus für ein Kleid, das ich voraussichtlich nur einen Abend anziehen würde.

Eingeholt von der Realität

Schon bei der Stoffwahl hatte ich mich schwer getan. Die erst bestellte Spitze für die Godet-Einsätze - so nennt man die eingesetzten keilförmigen Glockenfalten - stellte sich als zu starr heraus. Das ganze Kleid aus der Spitze zu nähen kam auch nicht in Frage, da diese auch dafür zu viel Stand aufwies. Oder sollte es doch ein gemustertes Kleid werden? Um alles aus dem navyblauen geschmeidigen Viskose-Crêpe von Atelier Brunette zu nähen, hatte ich bei Lillyparis zu wenig davon bestellt (es reichte nicht mal mehr für die Godets) und ausserdem sah das Kleid ja einen Kontrast vor.

 

Spontan habe ich dann bei Kreando den ganz weichen Baumwoll-Tüll in navy für die Godets bestellt, in der Hoffnung, dass die beiden Blau harmonieren würden. Und das taten sie Gottseidank. Und damit ich farblich zum goldenen Kleid der Miss passen würde, verwendete ich für den typischen schmalen Schal-Ausschnitt und den tiefen Tallien-Gurt den kleinen Rest des feinen Gold-Strickjerseys, den ich bei Stofflastig gekauft hatte.

 

Die Qual mit der Grössenwahl...

Die Stoffmenge aus der Schnittmuster-Angabe habe ich mal wieder schwer untertreffen müssen. Ich hatte 1.5m eingekauft (noch bevor ich mich für den Schnitt entschieden hatte) und in der Beschreibung war von querelastischem Kreppsatin und 2.3m die Rede. 

 

Im Link zur Grössentabelle von Burda fehlte die Angabe zur Hüfte für das Kleid. Aber über Google fand ich die standardisierte Burda-Tabelle - ausgelegt auf eine Körpergrösse von 168cm. Mit meinem Hüftumfang und da mein Viskose-Crêpe nicht elastisch ist, wählte ich also Grösse 44. Die 4cm für meine Körpergrösse von 172cm gab ich am Saum zu, der Schnitt war ja gerade und dass die Godets schon irgendwie auf der richtigen Höhe sein würden, darauf vertraute ich jetzt irgendwie einfach mal.

Da mein Stoff keine sichtbare Laufrichtung hat und auch kein Muster, das beachtet werden müsste und weil ich den rückwärtigen Beleg nicht im Stoffbruch zugeschnitten habe, ging das mit dem Stoff mit 1cm Nahtzugabe gerade so auf. Ich versäuberte alle Teile und nähte zusammen... Und dann kam der Moment der Anprobe...

Ich hab's ja gesagt: tonne auf beinen

Meine Befürchtungen wurden bestätigt... Gut, es empfiehlt sich auch, für eine solche Anprobe vielleicht die Socken auszuziehen und ein paar passende Schuhe anzuziehen, aber die waren schlicht noch nicht da. 🙈 Und was ich im Spiegel sah, war nicht schön. 😂

 

  • Die Godets, obwohl ich 4cm grösser bin als die Standard-Masse, waren zu tief
  • Die Gurtlaschen, obwohl ich den Schnitt nicht in der Tallie sondern am Saum verlängert hatte, waren 9cm unter meiner Hüfte.
  • Die speziellen Falten die von der Schulter bis oberhalb der Brustspitze verlaufen, klafften (Oberweite sei dank 🙈) weit auf. (Das tun sie noch immer, aber ich lasse mir da noch was einfallen.) Zu den Falten meinte meine Freundin Olivia: Die müssten bis fast zur Tallie verlaufen, das war damals typisch.
  • Das Kleid war viel zu lang auch wenn ich wie erwähnt grösser bin als die Standardmasse von Burda.
  • Ich kann mit "flattrig" und "weit" gut leben, aber DAS war definitiv zu viel des Guten. Auch wenn der Style der 20er Jahre eine gerade Linie vorsieht, so musste ich da etwas unternehmen um aus diesem Sack noch ein Kleid zu machen.

Die Veränderungen

  • Gurtschlaufen abtrennen
  • Kleid in der Hüftlinie durchtrennen und 7cm Stoff heraussschneiden
  • Beide Teile wieder versäubern und zusammennähen. Die entstandene Naht wird durch den Gürtel kaschiert.
  • Gurtschlaufen auf Höhe der neuen Naht wieder einsetzen.
  • An allen 6 Längsnähten gleichmässig insgesamt 18 (!) cm tailliert

 

Zum Gürtel gibt es auch noch ein paar Worte zu sagen... Hier hatte ich die Befürchtung, dass der gerade geschnittene Gürtel sich um meine Hüfte nicht gut machen würde, da er mit seine 5.5cm Endbreite sicher irgendwo abstehen oder einschneiden würde. Und so kam es auch. Also trage ich diesen im Rücken nun etwas weiter oben (ist dem Style leicht abträglich, dafür liegt er anliegend) und drehe den Druckknopf vorne leicht, damit beim Verschluss eine Spitze entsteht. Der Verschluss leicht seitlich getragen sieht das irgendwie noch stylish aus.

Die typischen accessoires

Seid bitte nicht zu streng mit mir... Es war nicht gerade einfach, schöne navyblaue Pumps aufzutreiben. Mit breiterem Absatz und Rundung statt Spitze vorne, war einfach nirgends zu finden. Aber ich finde diese nun ganz passend und hoffe, es wird ein bisschen Charleston gespielt an der Party und ich fall dann nicht um beim Tanzen. 😂

 

Die Federboa könnte farblich nicht besser passen und als Nichtraucherin kann ich auf die Fake-Zigarette im typischen Zigarettenhalter nicht verzichten.

 

Der schmale Schal ist im Schnitt ja bereits integriert und aus dem letzten kleinen Stoffrest habe ich auch noch ein typisches Stirnband genäht, das ich mit einem passenden Haarstecker und einer Feder aus der Boa ergänze. Und selbst passende dunkelblaue Fransen-Ohrringe habe ich gefunden und meine Perlen-Kette passt hervorragend.

 

Das Make-up für den Abend habe ich probehalber schon mal abgestimmt. Natürlich werd' ich die Augenbrauen noch etwas mehr definieren und Fake-Wimpern tragen. Hab' ich was vergessen?

Happy new year!

In welche Richtung das Kleid der Miss geht, habt ihr ja auf Facebook und Instagram schon entdeckt. Da seht ihr die Tage dann noch die Tragebilder dazu. Ich kann nur schon eines sagen: sie wird mir definitiv die Show stehlen - und das ist auch gut so. 😍

 

Dann wünsche ich euch jetzt erst mal noch einen frohen restlichen Advent und bin gespannt auf euer Feedback zu meinem Kleid.

 

Herzlich,

Denise

 

Backlink: AfterWorkSewing, Du für dich am Donnerstag, Sewlala

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Kommentare: 2
  • #1

    formspielerins werke (Donnerstag, 20 Dezember 2018 09:50)

    Großartig! Was für eine Mühe du dir gemacht hast, allein mit der Recherche und mit dem Kleid sowieso. Ich wünsche ganz viel Spaß auf der Party! Regina

  • #2

    Fiene (Donnerstag, 20 Dezember 2018 11:22)

    Das hast du doch prima gerettet! Ich finde dein Kleid toll und wünsche dir viel Spaß auf der Party!