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Wie ich das Nähen in Gemeinschaft entdeckte

Oder: Welcher der 10 Nähweekend-Typen bist du?

Nähen ist ein Einzelsport. Dachte ich mal. Meine Mutter, die mir viel beibrachte, nähte immer für sich alleine. Und auch wenn wir im Handarbeitsunterricht immer eine fröhlich schwatzende Runde waren, so habe ich später immer alleine genäht. Mit dem Internet kam die Möglichkeit, seine Werke zu veröffentlichen und sich eine Fangemeinde aufzubauen, aber auf die Idee, meine Werke zum Beispiel auf Facebook oder Instagram zu zeigen, kam ich sehr lange nicht. Einzelsport eben.

 

Durch Zufall entdeckte ich irgendwann eine Nähgruppe. Mir ist heute noch völlig schleierhaft, warum ich nie darauf gekommen bin, aktiv danach zu suchen. Meine Näh-Welle hält nämlich schon seit etwa 10 Jahren ohne Unterbruch an. Zur Klarstellung: Ich befinde mich in Näh-Therapie. Als Süchtige, deren Sucht in Schüben verläuft, wird man nie ganz clean. 😉 Nach der Entdeckung der Nähgruppen, wo ich so viel Inspiration fand, waren alle Dämme gebrochen. Aus "wenigen" Kleidungsstücken, die ich bis dahin genäht hatte, wurden plötzlich immer mehr und irgendwann fing ich auch an, meine Schnitte zu digitalisieren.

Die Entdeckung der Gemeinschaft

Obwohl ich für meine Maschinen ja einen Transportkoffer hatte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man darauf kommt, seine eigene Maschine einzupacken und irgendwohin mitzunehmen um woanders als in den eigenen vier Wänden zu nähen. Nein, mir war das Ungetüm von Nähmaschinen-Koffer ja eigentlich sogar ein Dorn im Auge. Braucht viel zu viel Platz.

 

Etwa zur gleichen Zeit hat Neri ihr Nähatelier im Schloss Hegi eröffnet. Ich fand die Idee ja noch nett. Immerhin würde man da nicht seine Nähmaschine mitnehmen müssen. Die bietet Neri nämlich sogar an. Aber was ums Himmelswillen war ein "offenes Atelier"? Ernsthaft jetzt? Da kommen einfach Leute hin und nähen irgendwas? Ich war ja sooooo ein Greenhorn. Aber mit Neri hatte ich so einen offenen, lässigen Austausch übers Facebook, dass ich sie einfach kennenlernen musste. Denn obwohl wir beide in der gleichen Stadt wohnen, hatten sich unsere Wege noch nie zuvor gekreuzt.

 

Danach war ich quasi sekundär angefixt. Ich entdeckte die Vorteile des Nähens in Gemeinschaft. Der kreative Austausch, das weitergeben von Tipps, die Inspiration, die persönlichen Kontakte. All das lernte ich sehr schnell zu schätzen.

Das Nähwochenende und andere spässe

Sie sind omnipräsent. Die Nähtage, Nähwochenenden, Nähcafés, Nähtreffs, Nähworshops, Nähcamps... Irgendwann fand Neri, ich müsse mal mit ihr an eines mit. Sie gehe 2x pro Jahr und es sei das Non-plus-Ultra. Ähä... Sicher nicht. Nicht mit mir. Ich hab' erst abgewunken. Aber Neri hat mich überzeugt.

 

Nur - würde ich da überhaupt reinpassen? In irgend so eine Gruppe Näh-Nerds? Die dann auch noch Fragen haben, die ich vielleicht gar nicht beantworten kann? Und was, wenn die meine Schnitte eigentlich scheisse finden? Und wo schläft man da überhaupt? Schläft man da überhaupt? Kriegt man da nicht Wasser in den Beinen und einen schmerzenden Rücken, wenn man ein ganzes Wochenende nur an der Maschine sitzt? Oder hält man es am Ende gar nicht so lange an der Maschine aus und schwatzt dann nur mit anderen Teilnehmerinnen rum und hält die von ihren Projekten ab? Gab's da ein Nähziel? So quasi eine Quote, die man erreichen müsste? Ich glaub', Neri hielt mich für völlig meschugge. 😂 

Ausser, man tut es...

Irgendwann waren wir dann jedenfalls angemeldet. Und mein erstes Nähwochenende - meine Feuertaufe in Sachen Nähwochenende, quasi - war im Herbst 2017 auf dem Balmberg. 

 

Die Maschinen liefen heiß und ich habe das Mega-Projekt Softshell-Jacke für mich in Angriff genommen. Die Stimmung war locker, die anderen Teilnehmerinnen nett, das Essen gut und Neris Caipirinhas lecker. Geschlafen? Haben wir. Wenig. 😁

 

Nach dem Wochenende war für mich klar, dass ich das wieder machen würde. Nichts sprach dagegen. 48 Stunden freien Zugang zur Nähmaschine ohne Ablenkung durch Kinder, Mann, Hausarbeit, Arbeit... 

Das letzte Wochenende

Inzwischen ging letztes Wochenende mein drittes Nähwochenende über die Bühne. Ich war -wie letzten Herbst - wiederum in Stans, bei Ivanka von Sigrist Store - fabrics and more. Das "Gesellenhaus" in Stans ist ein gut ausgestattetes, einfaches Gruppenhaus. Im grossen hellen Raum waren wir 11 Nähtanten also an unseren Tischen verteilt. Übermässig viel Platz ist nicht vorhanden, aber man organisiert sich halt.

 

So hatte ich mir also im Vorfeld schon überlegt, was ich nähen möchte und das ganze Material besorgt und zugeschnitten. Jedes Projekt fein säuberlich in eine Tüte gesteckt zusammen mit allen benötigten Dingen wie Knöpfe, Plotts, Reissverschlüsse, Bänder... Ich wollte mich diesmal etwas "zurückhalten", da ich fürs Weekend vom letzten Oktober 18 Tüten vorbereitet und mich damit ganz schön unter Druck gesetzt hatte. Diesmal waren's also nur 13 Tüten + ein Reserveprojekt und ein Meter Stoff und das ChamäLeah-Schnittmuster.

 

Ich hatte mir eigentlich nur überlegt, dass ich mit dem Rucksack anfangen wollte und mir vorgestellt, dass ich den bis Freitag Abend fertig haben müsste. Danach war die Reihenfolge frei. Man soll ja auch mal spontan ein Projekt vorziehen können.

 

Bist du der näh-Weekend-Typ?

Du warst noch nie an einem Nähwochenende und überlegst dir, ob das was für dich ist? Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, und ich habe auch keine wirklich grosse Nähwochenende-Erfahrung. Aber diese 10 Nährweekend-Nerds triffst du garantiert an. Entdeckst du dich wieder? (Alle Zusammenhänge sind frei erfunden und Ähnlichkeiten zu realen Teilnehmerinnen rein zufällig! 😉)

 

1. Die Organisierte

Sie hat alles vorbereitet. Jedes Projekt ist fein säuberlich abgetütet. Inkl. passendem Faden und Zubehör. Sie hat neben ihren Maschinen 3 Kisten dabei und weiß jederzeit ganz genau, was sich wo befindet. Schon im Vorfeld hat sie sich genau überlegt, welches Projekt sie wann näht. Als erstes bezieht sie ihr Schlafquartier, damit schon klar ist, wo sie schlafen wird. Sie geht nämlich früh schlafen, denn zu müde kann sie sich nicht mehr konzentrieren. Am Ende geht sie mit 15 fertigen Stücken nach Hause.

 

2. Die Verpeilte

Sie reist an, wenn alle schon am nähen sind. Denkt, sie hätte an alles gedacht, aber das stellt sich als falsch heraus. Duschgel, Zahnbürste, Schlafsack - Mist, da war ja was. Kabelrolle, Lampe - egal, wird schon irgendwie gehen. Sie verbringt die Zeit bis zum ersten Abendessen mit organisieren von Ersatz. Am Ende schafft sie aber einen Großteil ihrer Projekte.

 

3. Die Spontane

Sie hat keine Tüten dabei, sie trägt ein halbes Stofflager in den Nähsaal. Kistenweise Schnittmuster - geplant hat sie: zu nähen. Die Zeit bis zum Abendessen verbringt sie damit, Stoffe zu kombinieren und Schnitte auszusuchen. Danach wird zugeschnitten. Oder auch nicht. Alles kann, nichts muss.

 

4. Die Chaosqueen

Sie weiß, dass sie alles dabei hat. Nur wo? Mal sucht sie den passenden Faden, mal hat sie ein zugeschnittenes Stück Stoff verlegt. Finden tut sie das am Ende des Wochenendes - beim Aufräumen. Sie beginnt Projekt um Projekt und muss immer mal wieder einen Abstecher in den örtlichen Stoffladen machen um Ersatz für "verlegtes" zu besorgen. Sie geht am Ende des Wochenendes mit 2 Geobags und 7 Ufos nach Hause.

 

5. Die Fleissige

Sie rockt ihre Maschinen und spult ein Projekt nach dem andern ab. Während die Spontane noch Stoffe sortiert, hängt sie schon die ersten fertigen Werke an die gespannte Wäscheleine. Sie näht schnell, aber nicht immer ganz sauber. "Ist jetzt auch egal - ich lass das so" ist ihr Motto. Am Ende hat sie einen ganzen Korb voll Kleidungsstücken für die ganze Familie, da schaut keiner nach einer schiefen Naht. 

 

6. Die Quatschtante

Sie sitzt überall, nur nicht an ihrem Tisch. Sie hat jedem etwas zu erzählen und hört überall geduldig zu. Die Quatschtante merkt am Samstag Abend, dass sie ja eigentlich noch nichts genäht hat. Ist aber nicht so schlimm - erst gönnen wir uns mal ein Bierchen oder einen leckeren Caipirinha. Ins Bett geht sie immer als letzte. Sie geht am Ende mit zwei fertigen Stücken nach Hause, die sie als Ufos mit ins Nähwochenende gebracht hatte.

 

7. Die Professionelle

Sie kennt die ganze Nähszene und alle Schnitte. Nein, sie kennt sie nicht nur, die hat sie selbst probegenäht. Sie hat für alle einen Tipp parat - auch ungefragt. Sie ist ein wahres Stofflexikon und hat unendlich tiefe Nähkenntnisse. Den Trend hat sie erfunden und was nicht ihrem Style entspricht ist ja sowas von letztes Jahr. Sie hat eine ganze Reihe an Stoffen zum Design-Vernähen mitgebracht, alles natürlich Stoffe, die man noch nicht im Laden kaufen kann. Sie hat eigentlich Termindruck und trotzdem fotografiert und verbloggt sie alles, was sich irgendwie verwerten lässt, das ist man seiner Fangemeinde ja schliesslich schuldig.

 

8. Die Wundertüte

Keiner kennt sie, nicht mal die Organisatorin weiss, wie sie dazu gekommen ist, sich anzumelden. Aber jetzt ist sie nunmal da. Ob sie in die Runde passt, wird sich erst herausstellen. Man "beschnuppert" sich erstmal gegenseitig. Sie soll ruhig den Anfang machen, sie hat sich schliesslich einfach so angemeldet. Also muss auch sie damit klarkommen, dass der Rest eine eingeschworene Truppe ist, die sich schon lange kennt und mit den Insider-Sprüchen nichts anfangen kann. Ihr Problem. Sie sieht das locker, kontert ab und zu mit einem flockigen Spruch und näht derweil ihre Projekte.

 

9. Die stille Schafferin

Eigentlich bemerkt man sie kaum. Sie ist immer ruhig und lässt die anderen reden. Hört nur aus der Ferne zu. Sie ist quasi mit ihrem Stuhl verleimt und steht nur zu den Mahlzeiten auf. Die Wäscheleine hinter ihr füllt sich stetig mit fertigen Werken - und keiner merkt's. 

 

10. Die Helferin

Eigentlich wollte sie ja für sich nähen, aber kaum hat jemand eine Frage, ist sie zur Stelle. Sie kennt jede Nähtechnik, jeden Nähschritt. Verdeckter Reissverschluss, Hosenladen, französische Nähte, Kräuseltechniken... alles aus dem Effeff. Ist mal etwas falsch genäht hilft sie auch beim Auftrennen. Hat jemand irgendetwas vergessen - sie hat es dabei. Nahtband, Stylefix, Lochzange, Hammer, Overlock-Konen in jeder Wunschfarbe, Druckknöpfe, Taschenkarabiner... You name it. Am Ende ist sie viel Material los und hat es sogar geschafft ein Teil für sich zu nähen.

 

Und welche bist du? Schreib's mir im Kommentar. 

 

Jetzt aber noch zu den Nähwerken...

Ich bin die professionell VEPeilte Chaotin, die gerne quatscht und allen hilft und nebenbei fleissig schafft.

War ja klar, oder? 😂

 

Genäht habe ich letztes Wochenende eigentlich hauptsächlich für meine Tochter. Natürlich folgen bald Tragebilder, sobald sie die Bandage zwischendurch auch mal abnehmen darf. Es waren aber auch einige Stücke für mich dabei, wie "der andere Rucksack", den ich kürzlich auf Facebook gezeigt habe. 

 

In diesem Beitrag zeige ich euch die Stücke, die für La Miss entstanden sind.

Vlnr:

1. Ein ganz einfaches ChamäLeah T-Shirt aus Bio-Jersey "Under the Rainbow" vom finnischen Label "Story of Roo", gekauft bei Yingdesign in Winterthur.

2. Eine Test-Norma-Jill-Kids aus weicher Bio-Bambus-Gabardine (leicht querelastisch), ein wunderbarer knitterfreier Hosenstoff, gekauft bei Kreando. Verziert mit aufgebügeltem Glitzerband (kleine Steinchen), gekauft bei StoffArt.

3. Ein ChamäLeah-Cardigan mit eingearbeiteter Rüsche im Rückenteil aus "Knitty Air" Senf von Albstoffe, gekauft bei der Eulenmeisterei.

 

Mitte: Ballonkleid aus dem Buch "Linen Wool Cotton Kids" von Akiko Mano (Englisch, befindet sich schon lange in meinem Fundus) aus leichtem Baumwoll-Batist, gekauft bei Bolli, Winterthur. Das Kleid hatte ich schon einmal genäht - ganz am Anfang meines Blogs, auf vielseitigen Wunsch einer einzelnen Dame gibt es das nun noch einmal. 🙃

Rechts: ChamäLeah-Cardigan aus "Knitty Air" Meringa, gekauft bei der Eulenmeisterei.

 

Vlnr:

- Cropped Shirt (Schnitt noch in der Testphase) aus dem Rest Sommersweat in Night blue von See you at Six Fabrics, gekauft bei Lillyparis.

- Eine Test-Norma-Jill-Kids in lang aus dem selben Bambus-Gabardine wie oben.

- Die ChamäLeah-Sweatjacke hatte ich vorgängig schon genäht und auch präsentiert.

 

Ich hoffe, mein Ausflug in die Nähweekend-Typisierung hat euch gefallen und bin gespannt auf euer Echo.

 

Herzlich,

Denise

 

Backlink: Handmade on Tuesday, Creadienstag, Bio-Linkparty

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Kommentare: 3
  • #1

    Marina (Mittwoch, 03 April 2019 20:36)

    Hammer! Toll gschriebe�����Ich cha vo A-Z mitfühle� hmmm...� ich bin glaub au irgendsones Gmisch�

  • #2

    Tina (Mittwoch, 03 April 2019 21:35)

    Ich bin die Wundertüte und weiss jetzt endlich, was an einem Nähwochenende los ist. DAS konnte ich mir bis anhin auch nicht vorstellen...

  • #3

    Nicole (Mittwoch, 03 April 2019 23:21)

    Def. Nr.10 ��
    Ich nehme jetzt weniger Projekte mit. �