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Massgeschneidert - wie ein Jasika Blazer mein aktuelles Meisterstück wurde

* Beitrag enthält Bezugsquellen, aber keine Affiliate-Links * Alle Materialien selbst gekauft *

Meinen ersten (und letzten) Blazer hatte ich in der 9. Klasse genäht. Das war Ende der 80er. Ein monströses schwarzes Teil - heute würde man es Oversize nennen - mit Schulterpolstern, weiss-schwarzem Nadelstreifen-Futter und Ärmeln zum Hochkrempeln. Miami Vice lässt grüssen. ;-) Leider liessen sich auch nach intensiver Suche keine Beweisbilder mehr finden und ich hatte das gute Stück bei einem meiner diversen Umzüge längst entsorgt. Aber ihr dürft mir glauben, auch mit grösster Anstrengung und Unterstützung meiner Tante, die Schneiderin war, wurde das Teil alles andere als perfekt - aber dafür heiss geliebt.

Der Blazer und ich hatten also noch eine Rechnung offen. Und als Bettina und Barbara von Hello Heidi Fabrics Ende Sommer wunderbare Tweed-Stoffe ankündigten rückte das Projekt von der langen Bank weit nach vorne.

Auswahl des Schnittes

Im Vorfeld hatte ich mir diverse Blazer-Schnitte angeschaut. Ich wollte einen zeitlosen Schnitt, möglichst wenig Knopflöcher und trotzdem einen professionellen Touch. Für so ein Projekt rücke ich gerne von meiner "Quick & Dirty"-Philosophie ab.

 

Auf Empfehlung von Barbara habe ich mir dann den PDF-Schnitt des Jasika Blazers von Closet Case Patterns besorgt. Das hatte einen grossen Vorteil: Barbara hatte sich eben eine Moulure der Grösse 14 mit FBA (Full Bust Adjustment) genäht, die ich anprobieren durfte.

 

Wie sie auch, bin ich nach der Anprobe zum Schluss gekommen, dass ich (trotz triple D) die FBA nicht brauche und dass die 14 doch ein bisschen zu gross, bzw. breit wäre. Und so war der Entschluss gefasst es mit einer 12 zu probieren. Und zwar mit folgenden Anpassungen:

  • Die Schulternähte an der Schulterspitze zum Hals auslaufend 0,7cm tiefer legen, da ich keine Schulterpolster einnähen wollte.
  • Entsprechend das Armloch unten etwas erweitern um trotzdem genügend Bewegungsfreiheit zu haben und den Ärmel nicht auch noch anpassen zu müssen.
  • Die Eingriffstaschen habe ich aufgrund der Moulure-Anprobe 1cm nach unten versetzt
  • Der Schnitt ist ausgelegt für Körpergrösse 168. Obwohl ich 172cm gross bin, habe ich die Länge nicht angepasst.

Materialwahl und Next Steps

Den Woll-Tweed von Zuleeg hatte ich schon lange bestellt und gestreichelt, weil man ja nie weiss, wann die Lieblingsfarbe plötzlich ausverkauft ist. Ich hatte mich für "Coal" entschieden. Die ist inzwischen tatsächlich weg, aber in der Kollektion "York" von Hello Heidi Fabrics sind noch 5 tolle Farben erhältlich.

 

Wovor ich mich eigentlich am längsten gedrückt habe, war das Schneiden der Schnittteile aus dem Schnittmusterbogen. Das gerollte Monster stand schon lange zu Hause im Korridor rum. Aber als ich im Fachhändler unserer Stadt dann endlich den perfekten Futterstoff - einen Jacquard mit Changeant-Effekt - mit passender Satin-Paspel gefunden hatte, führte kein Weg mehr daran vorbei. 35 Schnittteile, das braucht doch einen Moment Zeit. Ich habe übrigens bewusst darauf verzichtet nur die Grösse 12 auszudrucken, was das PDF ermöglichen würde, weil ich gerne die Übersicht habe über die Grössensprünge, falls für ein zweites Modell noch weitere Änderungen notwendig würden.

 

Noch bevor ich in den wertvollen Tweed schnitt, habe ich die Schnitteile für das Futter zugeschnitten und zusammengenäht. So hatte ich eine weitere Kontrolle, ob die 12 mir passen würde, da die Moulure ja eine 14 war. Erst als ich diese Sicherheit hatte, legte ich die Schnittteile auf den Hauptstoff und es konnte losgehen.

Eine Reihe professioneller features

Für Jasika gibt es eine ganze Reihe professioneller Tutorials und Videos um ihn perfekt anpassen zu können. Aber nicht nur das, in der Anleitung (in englisch) werden verschiedene professionelle Schneider-Techniken einfach erklärt. Unter anderem werden einige Schnittteile komplett mit Vlieseline verstärkt, bei anderen nur gewisse Bereiche. Die vordere Schulter-Brust-Partie wird mit Pferdehaar-Canvas hinternäht. Ich habe das genau so umgesetzt, man kann das "Horsehair-Canvas" aber auch durch eine Manteleinlage ersetzen.

 

Die Paspeltaschen  werden an der vorderen Seitennaht mit einem Baumwollband "aufgehängt". Das verhindert, dass diese durch häufiges hineingreifen irgendwann "absacken". In einem nächsten Modell würde ich die Taschen etwas schmaler machen, oder das Modell mit Taschenklappen nähen, denn durch die Breite der Taschen blitzt hier das Futter durch. In den Schultern und hinter dem Revers wird ein Nahtband zur Stabilität mit eingenäht.

 

Obwohl ich wegen meines 80er-Jahre-Traumas und trotz leicht hängender Schultern keine Schulterpolster einnähen wollte, habe ich auf die Ärmelfische nicht verzichtet. Sie verhindern, dass die Nahtzugaben am Armloch sich irgendwann auf dem Aussenstoff abzeichnen.

 

Das einzige, was mich nicht ganz überzeugt hat, sind die Ärmelabschlüsse. Das hat auch Barbara erwähnt. Da würde man sich wenigstens eine fake Knopfleiste wünschen und nicht nur einfach aufgenähte Knöpfe. Das werde ich mir fürs nächste Modell überlegen.

 

Auch wenn es im eBook genau steht, so weise ich hier gerne auch noch darauf hin: gut gebügelt ist halb genäht. Es ist wirklich wichtig, immer und immer wieder alles in Form zu bügeln. Da ich keinen Schneiderschinken in meiner Nähhilfen-Sammlung habe, musste ich da teilweise etwas improvisieren, aber es ging prima.

Das Knopfloch

Es ist das letzte Detail, das man am fertigen Blazer setzt - und man kann damit doch noch alles ruinieren. Meine Bernina 1230 macht mit dem Prisma-Fuss zwar ziemlich gute Knopflöcher, aber professionell sind sie nicht. Nach diversen Probe-Knopflöchern habe ich mich für die "todsichere" Variante entschieden:

  • Erst das Knopfloch (hier ein Augenknopfloch) in der richtigen Grösse mehrere Male in ein Probestück mit der gleichen Dicke wie das Endprodukt nähen.
  • Die Probeknopflöcher aufschneiden.
  • Das gesamte Knopfloch mit Knopflochseide (das ist etwas dickerer Faden, den es speziell für Knopflöcher gibt) und dem Knopfloch- oder Schlingenstich einfassen. Dabei bei mehreren Knopflöchern zuerst testen, welcher Stichabstand am schönsten wird. Zuviele Stiche lassen das Knopfloch wellig werden, zu wenige lassen den Stoff durchblitzen.
  • Prüfen, ob der Knopf auch wirklich definitiv durchgeht. Das darf ruhig etwas knapp sein, das geht dann mit der Zeit schon besser.
  • Und erst dann das finale Knopfloch (oder auf Wunsch natürlich mehrere) setzen.

Mein Glanzstück

Trotz aller Vorbereitung und diverser Anproben ist man sich ja dann doch nicht ganz sicher, ob am Ende alles passt. Und als ich dann endlich zum ersten Mal in meinen fertigen Blazer schlüpfen durfte, war ich einfach nur begeistert und glücklich, es geschafft zu haben.

 

Natürlich nahm ich das gute Stück letztes Wochenende gleich mit nach Zermatt in unseren kinderfreien Kurzurlaub, um es fotografisch schön in Szene setzen zu können. So ein Blazer mit Matterhorn im Hintergrund hat schon was, nicht? Die Sonne war etwas mein Feind, aber ich will mich definitiv nicht über das Wetter beklagen, schliesslich könnte man es für unser Ski-Wellness-Wochenende nicht besser treffen. Also müsst ihr jetzt mit doch etwas grosszügig belichteten Bildern klarkommen. Die sind übrigens auf der Terrasse unseres Zimmers im Hotel Coeur des Alpes entstanden. Ein kleiner Hoteltipp von mir, wir sind dort seit vielen Jahren regelmässige Gäste. Muss allerdings Monate im voraus gebucht werden. ;-)

 

Ich bin gespannt, ob nach meinen Ausführungen jemand von euch Lust bekommt, sich auch einen Blazer zu nähen und würde mich über ein Feedback freuen.

 

Herzlich,

Denise

 

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