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Mantel mit Tücken

* Beitrag enthält Bezugsquellen aber keine Affiliate-Links *

Das Ziel war klar, der Weg weniger... Aber beginnen wir von vorne. Dieser Stoff! Oh dieser Stoff. Ja, er ist gut gelagert, ich habe ihn lange gestreichelt. Gekauft habe ich ihn, wie viele meiner besonderen Schätze, bei Hello Heidi Fabrics. Natürlich ist er dort leider längst ausverkauft, aber ihr findet bei den Heidis weitere schöne Wollstoffe. Meiner sollte ein Mantel werden und das schon letztes Jahr. Aber dann kam der Winter, der irgendwie vermorkst war, jedenfalls war er keiner, für den es sich gelohnt hätte, ein solches Projekt zu starten. Und das lag eigentlich nicht mal am Wetter - aber lassen wir das Thema.

 

Als dann auch dieser Sommer langsam zu Ende ging und sich mein Nähweekend am Horizont abzeichnete, musste ich mich endlich um den Schnitt kümmern um auch noch rechtzeitig alle weiteren benötigten Zutaten zusammenzutragen. Also suchte ich mal wieder ausgiebig das Internet ab nach "Schnittmuster, Mantel, lang, tailliert". Meine Wahl fiel auf "Fiona". Ein Bernina-Schnittmuster, dem ich einen gewissen Vertrauensbonus, was Professionalität und Passform betrifft, entgegen brachte. Der Schnitt stammt aus der Zeitschrift "Inspiration" 66/2016 und hat ein zeitloses Design und vor allem war er lang und die Bilder überzeugten mich. Im Produktbeschrieb stand, dass zum Download zudem eine "detaillierte Anleitung", "Detailfotos" und "Tipps & Tricks" gehören. Na, da konnte ja nichts schief gehen.

 

Etwas in die Röhre guckte ich dann, als die Anleitung sich als A4-Blatt mit 9 Punkten entpuppte, selbstverständlich ohne Detailfotos geschweige denn mit Tipps oder Tricks. Aber da mein Nähwissen durchaus den 4 von 5 geforderten Sternen für das Werk entspricht, machte ich mir erst mal keine grossen Gedanken, irgendwo würde da ja dann bestimmt der Link stehen für die weiteren Details. Ich hielt mich an die Zutatenliste und weil ich einen wirklich warmen Mantel nähen wollte, habe ich mich dazu entschieden, zwischen den Wollstoff und das Futter zusätzlich eine Lage Vlieseline 278 (50% Baumwolle, 50% Soya) einzuarbeiten. Details dazu weiter unten.

Der Zuschnitt - die ersten "Swear words"...

Ich hatte mir sämtliche Arbeitsschritte für das Nähwochenende in Stans aufgehoben. Da würde ich genug Musse haben und könnte ungestört arbeiten. Im Untergeschoss am Zuschneidetisch hatte ich viel Platz und ich konnte mir die Zeit einteilen. So schnitt ich zuerst den Oberstoff und die Belege zu. Ich stutzte etwas, als ich danach für den Zuschnitt des Futters nur sehr begrenzte Angaben fand. Wie würde das denn mit dem Schlitz nun gehen? Das untere Hinterteil aus dem Aussenstoff hatte ja diese Zugabe. Wie war damit beim Futter zu verfahren? Davon stand nichts. Ich grübelte in meinem Nähwissen und ging auf nummer sicher. Übermässige Zugaben kann man ja besser abschneiden, als fehlende hinzufügen.

 

Zudem schnitt ich alle Teile der Aussenjacke auch noch aus dem Volumenvlies 278 von Vlieseline zu, da dieses neben dem Volumen auch schön isolieren würde. Mir war es wichtig, ein rein natürliches und auch isolierendes Vlies zu verwenden, einerseits weil ich einen sehr warmen Mantel nähen wollte und andererseits wegen der Wärme- und Atmungseigenschaften der Wolle aussen.

 

In der Anleitung stand, man soll nun Säume, Besätze, Patten, Tascheneingriffe und Unterkragen mit Vlieseline verstärken. Nur welche Vlieseline stand da nicht. Ich hatte mir speziell von Hello Heidi Fabrics eine gewebte Einlage besorgt, weil mir wichtig war, dem Brustbereich zusätzliche Stabilität zu verleihen. Das steht in der Anleitung nirgends, aber es ist von Vorteil, wenn der Brustbereich einen gewissen Stand aufweist, gerade, wenn man den Mantel auch mal offen tragen will. Diesen Bereich habe ich also doppelt bebügelt. Für die anderen erwähnten Bereiche habe ich normales feines Bügelvlies verwendet.

Das Nähen - noch mehr "Swear words"...

Meine Tischnachbarinnen - nein, eigentlich unser gesamter Nähweekend-Club - kann ein Liedchen singen mit all meinen Flüchen, die ich bei diesem Projekt losgeworden bin. Ich habe ja durchaus schon Pattentaschen genäht, jedoch sind mir die Arbeitsabläufe, als nicht gelernte Schneiderin, jetzt nicht aus dem ff geläufig. Eine Bildfolge zu den knapp beschriebenen Arbeitsschritten unter Punkt 2 der Anleitung suchte ich vergeblich. Google hat mir aus der Misere geholfen, die Taschen waren danach einigermassen, aber nicht perfekt. Wie dem auch sei. "It has pockets" und das ist das wichtigste.

 

Punkt 3 der Anleitung widmet sich mit einem Halbsatz den Abnähern. Ob man den überflüssigen Stoff zurückschneiden oder die Abnäher noch absteppen sollte, war nicht beschrieben. Ich habe den abgenähten Stoff vom Ärmel- und vom Brustabnäher zurückgeschnitten, auf das Absteppen aber verzichtet, dafür gut gedämpft.

 

Das Volumenvlies habe ich wie Oberstoff behandelt. Sprich diesen direkt auf das Vlies gelegt und erst dann die Teile zusammengenäht. So wird verhindert, dass sich die grosse mittlere Lage im Mantel drin unkontrolliert verschieben kann. Sie ist nämlich in der Rückennaht, der hinteren Teilung und in der Seitennaht mit eingenäht, genau wie auch an den Ärmeln.

 

Stichwort rückwärtige Teilung. Mir ist jetzt noch ein Rätsel, warum die Schlitzbesatz-Zugabe auf dem Schnitt bis oben zur Teilung geführt wird. Ich habe sie bis oberhalb des Schlitzes zurückgeschnitten um zu verhindern genau über dem Gesäss eine 5cm Zugabe in die Teilungsnaht einzunähen, die dann noch mehr auftragen könnte. In der Anleitung stand dazu: nichts.

 

In dieser stand dafür, dass die Ärmel eingereiht werden müssen um sie ins Armloch einzupassen. Soweit so klar, das kannte ich ja auch von meinem Jasika-Blazer. Was auf dem Schnittmuster leider nirgends zu finden war, waren Markierungen von wo bis wo diese Einreihung gehen sollte. Ich hielt mich an meine Erinnerung vom Blazer. Es ist wichtig, dass der obere Bereich des Ärmels eingereiht wird, so kann dieser am Ende schön nach "oben" abstehen und der Ärmel fällt in der Schulter nicht ein. Um das noch mehr zu verhindern, empfehlen sich Ärmelfische. Die gibt's auch bei Hello Heidi Fabrics zu kaufen. Ich hatte die jedoch leider vergessen und so habe ich sie mir aus H640 Volumenvlies selbst gezeichnet. Was ich besorgt hatte, waren nicht allzu voluminöse Schulterpolster, damit der dicke Mantel am Ende auch schön über die Schulter steht.

 

Nähen zum 2. - Und noch viele "Swear Words" mehr...

Ich war sehr sehr dankbar für meine Erfahrung mit dem Blazer nähen, denn auch zu einer Taschen-Aufhängung war in der Anleitung nichts beschrieben. Wenn man aber ein so schweres Kleidungsstück mit Eingriffstaschen versieht - und ich diese auch sehr gerne nutze, wie ich mich kenne - besteht die Gefahr, dass durch das Gewicht der Arme auf die Eingriffe, sich der Mantel mit den Jahren verzieht, sprich der Eingriffe ausbeulen könnten. Das verhindert man mit einem Streifen Baumwoll-Webband, das man an der Nahtzugabe oberhalb der Eingriffe mit ein paar Stichen befestigt und ganz flach bis ans Armloch unter der Achsel legt und mit ein paar Stichen dort ebenfalls an der Nahtzugabe befestigt.

 

Inzwischen war das Nähwochenende übrigens längst zu Ende und mein Mantel halb fertig im Atelier "aufgebahrt". Aber ich gab nicht auf.

 

Zum Thema Gehschlitz steht in der Anleitung:

 

"Schlitzenden zusammenstecken, dabei das Futter 1cm hochschieben. Futterlängskante an den Untertritt nähen. Futter unterhalb des Schlitzzeichens so weit quer einschneiden, dass die Längskanten von Futter und Mantelübertritt verstärkt werden können. Futter annähen. Obere Futterzugabe einschlagen, evtl. von Hand annähen. Schlitz von rechts durch alle Lagen schräg absteppen."

 

Das war's. Verstanden hab' ich davon genau den letzten Satz und ich erinnere mich, dass ich mir bei beiden meiner Blazer-Projekte an diesem Schlitz und links und rechts und ober und unter von Stoff und Futter blabla, die Zähne ausgebissen hatte. Mein Hilferuf an Bernina wurde erhört und man sandte mir die bebilderte Anleitung für einen Rock-Schlitz. Damit ging's einigermassen.

Final Swear words...

Bevor ich das Futter unten am Saum (von Hand) festgenäht habe, habe ich den Mantel bei mir im Atelier erst einige Tage gut abhängen lassen. So war ich sicher, dass ich am Ende genug Bewegung im Futter haben würde - aber auch nicht zu viel. Eben so, dass es nicht unten raushängt oder oben spannt. 

 

Wir kommen nun in die Endphase und wenn du bis hierher gelesen hast, dann gebührt dir mein grösster Respekt. Nach einigem Anprobieren und offen und geschlossen halten und überlegen was wie wo die Knöpfe wohl hin müssten, habe ich mich für 3 Knöpfe + 3 Druckknöpfe entschieden (auf dem Bernina-Bild gibt es nur 2 Knöpfe mit Knopfloch und 3 Druckknöpfe). Wo die Knöpfe genau hin sollen, habe ich mir also ebenfalls selbst überlegt, da auf dem Schnittmuster nichts eingezeichnet war. Ich bin jetzt so mit meiner Wahl ganz glücklich, denn so schliesst der Mantel bis schön weit oben und die Druckknöpfe kann man nach Wunsch schliessen oder offen lassen - das fand ich noch eine clevere Idee von Bernina.

 

Die letzten Fluchwörter gelten der Fotosession. Mein Mega-Projekt hatte Mega-Bilder verdient. Und so nahm ich den Mantel mit in den Urlaub. Ich bin so froh, konnte ich meinen Mann dazu motivieren mich während unserer Ferien in der Toscana vor unserem Garagentor abzulichten - und dann vergesse ich, die Linse der Handykamera ordentlich abzuwischen. Alle Bilder im Kasten, den (etwas ungeduldigen) Mann lange genug bemüht und beim Bearbeiten (ich sass längst wieder in der warmen Herbstsonne) merke ich, dass einige Bilder ein bisschen seltsam strahlen. Tja, damit muss ich jetzt leben. Ist doch irgendwie der passende Abschluss für den ganzen Zirkus. 😉

 

Ich hoffe, euch hat die Lektüre einigermassen vergnügt. Wenn ihr Fragen habt zu einzelnen Arbeitsschritten, meldet euch gerne bei mir. Ich erkläre auch gerne noch genauer. Nur das mit dem Schlitz, Leute, das müsst ihr euch selbst zusammenreimen. 🤣

Herzlich,

Denise